PCOS wird zu PMOS: Ein Paradigmenwechsel in der Gynäkologie

07.07.2026
Kontrazeption, Kinderwunsch

Nach jahrelanger internationaler Diskussion hat die Erkrankung, die bislang als Polyzystisches Ovarialsyndrom (PCOS) bezeichnet wurde, einen neuen Namen erhalten: Polyendokrines Metabolisches Ovarialsyndrom (PMOS). Die Umbenennung wurde 2026 nach einem mehrstufigen internationalen Konsensprozess bekanntgegeben und soll die tatsächliche Komplexität der Erkrankung besser widerspiegeln.

Dabei ist PMOS weit mehr als eine neue Abkürzung. Die Namensänderung markiert einen grundlegenden Wandel im Verständnis einer Erkrankung, die weltweit mehr als 170 Millionen Frauen betrifft und deren Auswirkungen weit über Zyklusunregelmäßigkeiten und Fertilitätsstörungen hinausgehen.

Wofür steht PMOS?

Jeder Bestandteil des neuen Namens wurde bewusst gewählt:

  • Polyendokrin : Die Erkrankung betrifft mehrere hormonelle Regelkreise und ist nicht auf die Ovarien beschränkt.

  • Metabolisch : Insulinresistenz, Adipositas, Dyslipidämie und das erhöhte Risiko für Typ-2-Diabetes sowie kardiovaskuläre Erkrankungen sind zentrale Bestandteile des Krankheitsbildes.

  • Ovarial : Die ovarielle Dysfunktion mit Oligo- bzw. Anovulation bleibt ein wesentlicher Aspekt.

  • Syndrome : Die ausgeprägte klinische Heterogenität wird weiterhin betont.

Warum musste der Begriff PCOS ersetzt werden?

Die Kritik am Begriff „Polyzystisches Ovarialsyndrom“ ist nicht neu. Bereits seit Jahren weisen Fachgesellschaften und Betroffene darauf hin, dass die Bezeichnung irreführend ist. Zum einen sind die sogenannten „Zysten“ keine echten Zysten, sondern überwiegend zahlreiche kleine antrale Follikel. Zum anderen haben nicht alle Patientinnen polyzystische Ovarien im Ultraschall – und umgekehrt erfüllt ein polyzystisches Ovar allein keineswegs die Diagnosekriterien der Erkrankung.

Vor allem aber suggeriert der alte Name eine primär gynäkologische Erkrankung der Ovarien. Tatsächlich handelt es sich um ein komplexes, multisystemisches Syndrom mit endokrinen, metabolischen, reproduktiven, dermatologischen und psychischen Manifestationen. Genau diese Vielschichtigkeit soll der neue Begriff PMOS ausdrücken.

Ändern sich die Diagnosekriterien?

Die kurze Antwort lautet: Nein – zumindest vorerst nicht. Die Diagnose erfolgt weiterhin auf Grundlage der etablierten Rotterdam-Kriterien. Danach müssen zwei der folgenden drei Merkmale vorliegen:

  1. Ovulatorische Dysfunktion
  2. Klinischer oder biochemischer Hyperandrogenismus
  3. olyzystische Ovarmorphologie im Ultraschall

Nach Ausschluss anderer Ursachen bleibt dieses diagnostische Vorgehen unverändert bestehen. Auch die ICD-10-Kodierung bleibt zunächst unverändert.

Die internationale Expertengruppe sieht die Umbenennung als ersten Schritt; die Integration in zukünftige Leitlinien und Klassifikationssysteme erfolgt schrittweise bis zur nächsten internationalen Leitlinienaktualisierung.

Was bedeutet die Umbenennung für die gynäkologische Praxis?

1. PMOS lenkt den Blick auf metabolische Risiken

Viele Patientinnen werden noch immer primär wegen Zyklusstörungen oder Kinderwunsch behandelt. Die metabolischen Langzeitfolgen erhalten im klinischen Alltag häufig weniger Aufmerksamkeit.

Dabei ist bekannt, dass Patientinnen mit PMOS ein erhöhtes Risiko für

  • Insulinresistenz,

  • Prädiabetes und Typ-2-Diabetes,

  • arterielle Hypertonie,

  • Dyslipidämien,

  • nichtalkoholische Fettlebererkrankung sowie

  • kardiovaskuläre Erkrankungen

aufweisen. Die neue Bezeichnung soll dazu beitragen, das metabolische Screening stärker in die Routineversorgung zu integrieren.

2. Die interdisziplinäre Versorgung gewinnt an Bedeutung

PMOS ist keine reine Reproduktionsstörung. Die Behandlung erfordert häufig die Zusammenarbeit von

  • Gynäkologie,

  • Endokrinologie,

  • Diabetologie,

  • Ernährungsmedizin,

  • Dermatologie sowie

  • Psychosomatik oder Psychiatrie.

Die Namensänderung unterstützt somit ein Versorgungsmodell, das die Erkrankung als systemische Störung versteht und entsprechend multidisziplinär behandelt.

3. Bessere Kommunikation mit Patientinnen

Der Begriff PCOS führte nicht selten zu Missverständnissen:

  • „Ich habe keine Zysten, also kann ich kein PCOS haben.“

  • „Wenn die Zysten entfernt werden, bin ich geheilt.“

  • „Es handelt sich nur um ein gynäkologisches Problem.“

PMOS bietet die Chance, diese Fehlvorstellungen zu korrigieren und die Erkrankung verständlicher zu erklären. Experten erhoffen sich dadurch eine frühere Diagnosestellung und eine geringere Stigmatisierung der Betroffenen.

Wie wurde die Entscheidung getroffen?

Die Umbenennung ist das Ergebnis eines außergewöhnlich umfangreichen internationalen Konsensprozesses: Mehr als 50 Fachgesellschaften, wissenschaftliche Organisationen und Patientenvertretungen waren beteiligt. Zudem flossen die Rückmeldungen von über 22.000 Betroffenen und Fachpersonen weltweit ein. Der Wunsch nach einer neuen, präziseren Bezeichnung bestand bereits seit mehr als einem Jahrzehnt und wurde nun in einer Publikation im Lancet offiziell umgesetzt.

Die Einführung des Begriffs PMOS erfolgt schrittweise über einen Übergangszeitraum von etwa drei Jahren. Die vollständige Integration in internationale Leitlinien wird für die nächste Aktualisierung im Jahr 2028 erwartet.

Fazit

Die Umbenennung von PCOS zu PMOS ist weit mehr als eine sprachliche Anpassung. Sie spiegelt einen fundamentalen Wandel im Verständnis der Erkrankung wider: weg von einer vermeintlich rein ovarialen Störung hin zu einem komplexen endokrinen und metabolischen Syndrom.

  • Für die gynäkologische Praxis bedeutet das:

  • die metabolischen Aspekte stärker zu berücksichtigen,

  • interdisziplinäre Versorgungsstrukturen auszubauen,

  • Patientinnen umfassender aufzuklären und

  • die Erkrankung als multisystemisches Gesundheitsproblem zu verstehen.

Ob PMOS langfristig zu einer früheren Diagnose, einer verbesserten Versorgung und einer höheren gesellschaftlichen Wahrnehmung führt, wird die Zukunft zeigen. Die Voraussetzungen dafür sind mit der neuen Bezeichnung jedoch besser denn je.

Weitere Details finden Sie in Teede HJ, Khomami MB, Morman R et al. Polyendocrine metabolic ovarian syndrome, the new name for polycystic ovary syndrome: a multistep global consensus process. The Lancet, 2026;407(10545):2329-2339. doi:10.1016/S0140-6736(26)00717-8.