Wundervolle Weiblichkeit – Freude und liebevolle Akzeptanz statt Tabus

25.10.2021
Exeltis

Was ist eigentlich das Gegenteil von Tabu, hab ich mich neulich auf dem Weg zur Mammografie gefragt. Als Kulturanthropologin kenne ich natürlich zahlreiche Tabus: Nahrungstabus, Heiratstabus, religiöse Tabus und einige mehr. Nicht dazu gehört in vielen traditionellen Gesellschaften die Brüste oder andere Körperzonen zu bedecken. In manchen Gesellschaften ist es dagegen Tabu, sich gegenseitig beim Geschlechtsakt zu betrachten. Der Dunkelheit gehört die Liebe, und von Kulturanthropologen auf ihre Expeditionen mitgebrachte Taschenlampen mochten schon mal ein ganzes Dorf in Aufruhr versetzen, wenn man des Nächtens plötzlich die Genitalien des Liebespartners mit Licht erforschen konnte.

Tabu ist auch in einigen ethnischen Gruppen das Reden über Sex, unvorstellbar für die gegenwärtige Lebenspraxis unserer eigenen Gesellschaft. Sexualität kann jedoch in sprachlichen Bildern oder Tänzen kodiert werden; eine poetische Vorbereitung auf das Liebesspiel transportiert über Worte, Klänge, Bilder und choreografische Arrangements Vorfreude und wird so Teil des Vorspiels, eines kollektiven Vorspiels der gesamten Gruppe. Die Symbole für Berührung, Verschmelzung oder höchste Verzückung werden in Geschichten und Liedern benannt, dienen dem Spaß und der Lust. Eigentlich nicht soviel anders als bei uns, denke ich.

Was geht denn heutzutage noch immer nicht in unserer aufgeklärten Gesellschaft? Was ist noch wirklich ein Tabu? Nehmen wir zum Beispiel das Gesprächstabu: Ist es immer noch das Reden über die weiblichen Geschlechtsorgane oder über Sexualität? Diskutieren junge Mädchen heutzutage nicht nur mit ihren Müttern und engsten Freundinnen sondern gar mit Vätern, Freunden oder Lehrern über die Größe der Klitoris, das Preisleistungsverhältnis von Kondomen oder Alternativpraktiken zur Missionarsstellung? Oder haben sie das Sprechen gänzlich eingestellt und befragen im Stillen Dr. Google, den sie gegen den altbekannten ausgedienten Dr. Sommer eingetauscht haben? Spannende Antworten zu diesen Fragen bietet ein aktueller Report unter der Überschrift „Gesundheitliche Lage der Frauen in Deutschland“, den das Robert Koch-Institut (RKI) im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit erstellt hat. Zumindest denken und reden heutzutage immer mehr Frauen – Stichwort Body Positivity – liebevoll über ihren Körper, die weibliche Anatomie, kurz ihre wundervolle Weiblichkeit.

Zeichnung des weiblichen Geschlechtsorgans

Gehen wir nur 50 Jahre in der Geschichte Europas zurück, so finden wir in Briefen, Tagebüchern, Autobiografien und Filmen die wahnwitzigsten Irrtümer über die Geschlechter und ihre Wirkungen aufeinander. Nicht nur das Verhältnis zwischen Großeltern, Eltern und ­Kindern war von Scham geprägt, sobald Themen der Körperlichkeit auch nur gestreift wurden. Auch die Beziehung zwischen Mann und Frau war eine ungleichgewichtige, die vielen Paaren große Mühe bereitete, weil sich eine fantasievolle, tabubefreite Sexualität nicht entwickeln konnte, zu straff schnürte das Korsett der Konvention sie ein. Hier war übrigens die erfolgreiche Unternehmerin Beate Uhse eine der Pionierinnen, die nicht nur mit Sextoys gutes Geld verdiente, sondern die aufklärte, indem sie Paare ermunterte, miteinander über die eigene Lust zu sprechen und einen spielerischen vergnüglichen Umgang mit der eigenen Sexualität zu erreichen. Uhse gab Empfehlungen und half dabei, überalterte Tabus zu überwinden. Darin steckt eben auch die Antwort auf die anfängliche Frage: Das Gegenteil eines Tabus ist eine Empfehlung. Das Gebot ist das Gegenteil des Verbotes.

Was kleine komplexe Gesellschaften nicht vergessen haben, dass wir uns unseres Körpers erfreuen können, haben wir uns dank Genderforschung, Wohlstand und Digitalisierung langsam aber sicher wieder erarbeitet: ein freudvolles Erlebnis mit unserem wundervollen weiblichen Körper, der nicht mehr tabuisiert wird in all seiner Pracht und Herrlichkeit, sondern dem das beste anempfohlen werden sollte!

Dr. Antje van Elsbergen

Dr. Antje van Elsbergen
Kulturanthropologin,
Philipps Universität Marburg