Health-Trends prägen die Gesundheitsmärkte von morgen

09.04.2021
Exeltis

Health Report 2022: In der zweiten Ausgabe der Reihe „Health Reports“ analysiert die Zukunftsforscherin und Gesundheitsexpertin Corinna Mühlhausen die wichtigsten Health-Trends. Wir haben sie speziell zum Thema Frauengesundheit gefragt.

 

CORINNA MÜHLHAUSEN

Seit über 20 Jahren beschäftigt sich Corinna Mühlhausen als Trend- und Zukunftsforscherin mit dem Megatrend Gesundheit in all seinen Facetten. Ende 2019 startete die Reihe des Health Reports mit seiner ersten Ausgabe im Zukunftsinstitut. Dass Gesundheit und Wohlbefinden Themen sind über die regelmäßig berichtet werden sollte und dass ein ganzheitliches Gesundheitsverständnis immer wichtiger wird, davon war die Gesundheitsexpertin stets überzeugt. Doch dass Gesundheit durch die globale Pandemie das alles dominierende Thema im Jahr 2020 sein wird, konnte keiner ahnen. Wohl nie zuvor war die Arbeit für Corinna Mühlhausen so herausfordernd wie in den Krisenjahren 2020 und 2021.

Frau Mühlhausen, in vielen Bereichen des Lebens geht es darum, individueller auf die Bedürfnisse von Menschen einzugehen – so auch im Bereich von Frauengesundheit. Welche Angebote müssten die Pharmazeutische Industrie und Frauenärzt:innen für diesen Individualismus schaffen?

Ich denke, es gehört zu den wichtigsten Aufgaben aller im Gesundheitswesen Beteiligter, zunächst einmal anzuerkennen, dass das Thema Gesundheit im Leben von Frauen grundsätzlich einen besonders hohen Stellenwert hat. Unser „Werte-Index“ zeigt, dass Gesundheit als Wert bei allen Menschen in Deutschland auf Platz eins dieser Rangliste steht – vor Werten wie zum Beispiel der Freiheit, dem Erfolg oder der Familie – dass es aber vor allem Frauen sind, die diesen Wert mit Leben füllen. Ihr Gesundheitsbewusstsein ist heute mehrheitlich sehr hoch ausgeprägt, viele Frauen fokussieren sich souverän auf die eigene gesundheitliche Vor- und Fürsorge. Vor allem junge und digital affine Frauen sind inzwischen bestens informiert und fragen selbstbewusst nach Angeboten, die ihnen den Umgang mit ihrer Gesundheit erleichtern können. Das können zusätzliche Individuelle Gesundheitsleistungen sein, die vor allem in der Schwangerschaftsbegleitung eine große Rolle spielen, aber auch Informations- und Netzwerkangebote, die z. B. auf Initiative von Pharmaunternehmen als Online- oder auch als Offline-Angebot in den Arztpraxen direkt umgesetzt werden können.

Bereits heute kann jeder Mensch mit einem Smartphone eine Vielzahl an Gesundheitsparametern selbst messen und tracken. Wann ist es aus Ihrer Sicht zu viel der Selbstdiagnose und Selbstoptimierung?

Zu viel ist es dann, wenn es der jeweiligen Frau nicht mehr guttut, sondern Stress auslöst. Die Freude am Self Tracking ist individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt, unsere Forschungen zeigen aber, dass die meisten Menschen sich bei der Selbstoptimierung genau auf den Bereich fokussieren, der ihnen wirklich wichtig ist – sei es die Ernährung, Schlaf, Sport oder medizinische Parameter. Diese neue Art der Selbstfürsorge sollte von den niedergelassenen Gynäkolog:innen künftig offen thematisiert werden – und zwar nicht nur einmalig beim Kennenlernen und der Erstanamnese sondern im Rahmen der regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen. Die meisten Patientinnen freuen sich, wenn ihr persönliches Gesundheitsengagement zur Sprache kommt, denn natürlich ist und bleibt der Frauenarzt ein wichtiger Ansprechpartner, dem großes Vertrauen entgegengebracht wird. Wir erleben zudem, dass sich gerade im Zuge der Pandemie das gesamte Themenfeld weiter verändert hat: Aus der Selbstoptimierung wird künftig eine neue Form der Selbstwirksamkeit. Es geht nicht mehr um höher, schneller, weiter und das Erreichen von ehrgeizigen Zielen, sondern vielmehr um das Bedürfnis der Einzelnen, selbst etwas dazu beitragen zu können, dass es uns und unseren Lieben gut geht. Das ärztliche Feedback dazu stellt einen hohen Wert dar – selbst wenn es nur im Verlauf eines kurzen Gesprächs stattfindet.

Haben Sie im Rahmen Ihrer Arbeit Tabuthemen im Bereich der Frauengesundheit entdeckt?

Unsere Forschungen zeigen, dass es kaum noch Tabus gibt – weder in der Frauen- noch in der Männergesundheit. Das kann jede(r) nachzeichnen, der sich mal an einem x-beliebigen Abend mit den Werbespots im Vorabendprogramm beschäftigt: Prostatamedikamente beeinflussen nicht mehr die Erektionsfähigkeit, eine Expertin gibt Tipps zur Behandlung von Scheidentrockenheit… Doch wir sollten uns nicht täuschen lassen: Der Weg bis hin zu dieser neuen Selbstverständlichkeit geschlechtsspezifischer Gesundheitsprobleme war lang und vor allem eine neue Generation selbstbewusster junger Frauen, die unter anderem in den sozialen Medien ganz offen über Menstruationsschwierigkeiten, Fehlgeburten, Endometriose und anderes berichten (nicht zu vergessen über die psychischen Herausforderungen, die das Leben für viele bereit hält) hat dazu beigetragen, dass etliche Themenfelder enttabuisiert wurden. Und Betroffene heute viel leichter Rat und Hilfe bekommen. Auch hier spielt die Vernetzung von Patientinnen aber auch Angehörig:innen in Social Media eine große Rolle. Wer mag, kann sich ja sogar offen mit anderen vernetzen inkl. Match à la Tinder.

In Zukunft werden wir erleben, dass neue Offerten aus der Telemedizin die Angebote v.a. im Selbstzahlerbereich erweitern. In den USA ist der Chat mit der niedergelassenen Gynäkolog:in bereits selbstverständlich geworden – abgerechnet wird im Minutentakt. Bei uns könnten Pharmaunternehmen oder Krankenkassen künftig mit neuen Serviceoffensiven aufwarten, in die dringend auch die Ärzt:innen integriert werden müssen. Ein interessantes Beispiel bildet Femna: Dieses Start-up bietet Test-Kits für den Check-up im heimischen Badezimmer an. Die Patientin kann damit auf eigene Faust ihren Hormonstatus oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten überprüfen. Die Ergebnisse landen dann postalisch bei ihr und werden im Bedarfsfall auch mit Gynäkologen besprochen bzw. der Patientin wird der Besuch in einer Arztpraxis empfohlen.

Zuletzt noch die Frage an Sie: Erzeugt mehr Offenheit automatisch auch mehr Angebot an Gesundheitsleistungen und -diensten?

Das wäre zumindest zu wünschen. Zunächst einmal erzeugt die Offenheit mehr Nachfrage, die von den Verantwortlichen in den Praxen und Pharmaunternehmen ernst genommen und bedient werden müssen. Grundsätzlich scheint es für die Zukunft wichtig, dass alle Verantwortlichen gemeinsam an einem Strang ziehen und sich vor allem gegenseitig mit Wohlwollen begegnen. Das System Gesundheit kann nur zukunftsfähig bleiben, wenn Ärzt:innen akzeptieren, dass Patient: innen mehr Informationen suchen (auch im Internet), als ihnen manchmal lieb ist. Dass Menschen aber vor allem ernst genommen werden möchten und entsprechend ihrer individuellen Vorlieben versorgt, betreut und beraten werden möchten. Es gibt kein one-fits-all in der Frauengesundheit. Jede einzelne Frau sucht nach ihrer persönlich-optimalen Mischung aus Nähe und Eigenständigkeit, hat mehr oder weniger große Vorbehalte gegen digitale Medizintechnik oder iHealth Angebote, braucht mehr oder weniger sprechende Medizin.

Auch das meint Eigenoptimierung: In der Gesundheitswelt der Zukunft suchen wir aus dem weiten Angebot das heraus, was unserer persönlichen Balance zwischen High Tech und High Touch am besten entspricht. Für die niedergelassene Gynäkolog:in bedeutet das, dass keineswegs alle nun mit neuen Serviceangeboten im Internet aufwarten müssen, im Gegenteil. Kein Termin hat eine so hohe Relevanz im Leben der Patientin wie der Besuch in der Arztpraxis. Hier ist die Gelegenheit, von Angesicht zu Angesicht über höchstpersönliche Gesundheitsbelange zu reden mit einem Arzt oder einer Ärztin, die ich im besten Fall schon lange kenne und großes Vertrauen entgegenbringe. Diese persönliche Zuwendung dauert nur wenige Minuten, kann aber entscheidend dazu beitragen, dass die Patientin ihr Bemühen um ihre gesundheitliche Vor- und Fürsorge beibehält oder ausbaut.

 

Das Interview führte für Sie Judith Terlohr-Wagner,Senior Produktmanager Gynäkologie.

HEALTH REPORT 2022
Autorin: Corinna Mühlhausen
Erscheinungstermin: Mitte Februar 2021
Seitenzahl: ca. 116 Seiten
Preis: 150,- € inkl. USt.
Zu beziehen ist der Health Report über www.zukunftsinstitut.de